Einleitung
Im deutschen Amateurfußball gibt es unzählige Vereine, die sich mit viel Herzblut der Jugendarbeit widmen. Sie bieten Kindern und Jugendlichen einen Platz zum Spielen, Lernen und Wachsen. Doch trotz aller guten Absichten bleibt der große Durchbruch oft aus: Die Jugendabteilung stagniert, Talente wandern ab, Trainer sind frustriert, und die Identifikation mit dem Verein schwindet. Woran liegt das?
Die Antwort ist häufig überraschend einfach: Es fehlt ein klares Leitbild. Ein Leitbild ist mehr als ein paar schöne Sätze auf der Website oder im Vereinsheim. Es ist der Kompass, der alle Beteiligten – von den Trainern über die Spieler bis zu den Eltern – in die gleiche Richtung führt. Es gibt Orientierung, schafft Identität und sorgt dafür, dass alle an einem Strang ziehen.
In diesem Artikel zeige ich, warum ein Leitbild für die Jugendarbeit unverzichtbar ist, wie es entwickelt wird, welche Fehler es zu vermeiden gilt und wie ein gelebtes Leitbild den Unterschied zwischen Mittelmaß und nachhaltigem Erfolg ausmacht.
Was ist ein Leitbild – und warum braucht es jeder Verein?
Ein Leitbild ist die schriftlich fixierte Antwort auf die Frage: „Wofür stehen wir als Verein, und was wollen wir mit unserer Jugendarbeit erreichen?“ Es beschreibt die Werte, Ziele und Prinzipien, die das Handeln aller Beteiligten bestimmen sollen. Es ist der rote Faden, der sich durch alle Bereiche der Jugendarbeit zieht – von der Trainingsgestaltung über die Kommunikation bis hin zum Umgang mit Eltern und Gegnern.
Ein gutes Leitbild beantwortet Fragen wie:
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Welche Werte sind uns wichtig? (z.B. Fairness, Respekt, Teamgeist, Leistungsbereitschaft)
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Wie wollen wir miteinander umgehen?
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Was ist unser sportliches Ziel? (z.B. Ausbildung statt Ergebnisfußball)
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Wie definieren wir Erfolg?
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Wie gehen wir mit Fehlern um?
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Wie fördern wir Talente und integrieren alle Kinder?
Warum ist das so wichtig?
Im Alltag eines Fußballvereins gibt es ständig Situationen, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen: Wer wird Trainer? Wie gehen wir mit einem schwierigen Elternteil um? Wie reagieren wir auf Niederlagen? Ohne Leitbild entscheidet jeder nach eigenem Ermessen – das führt zu Chaos, Konflikten und Unzufriedenheit. Mit einem Leitbild gibt es eine gemeinsame Basis, auf die sich alle berufen können.
Die Vorteile eines klaren Leitbilds in der Jugendarbeit
Ein Leitbild ist kein Selbstzweck, sondern bringt ganz konkrete Vorteile für die tägliche Arbeit im Verein:
1. Orientierung und Sicherheit
Gerade im Kinder- und Jugendfußball treffen viele verschiedene Menschen aufeinander: Trainer, Spieler, Eltern, Funktionäre. Ein Leitbild gibt allen Orientierung und Sicherheit. Es schafft Klarheit darüber, was im Verein gewünscht und was unerwünscht ist.
2. Identifikation und Zusammenhalt
Ein Leitbild stiftet Identität. Es macht deutlich, wofür der Verein steht und was ihn von anderen unterscheidet. Das stärkt den Zusammenhalt und die Bindung an den Verein – bei Spielern, Trainern und Eltern.
3. Verlässlichkeit und Kontinuität
Trainer und Funktionäre kommen und gehen. Ein Leitbild sorgt dafür, dass die Grundsätze der Jugendarbeit unabhängig von einzelnen Personen erhalten bleiben. Es schafft Kontinuität und verhindert, dass mit jedem neuen Trainer alles auf den Kopf gestellt wird.
4. Klare Kommunikation
Ein Leitbild erleichtert die Kommunikation – nach innen und außen. Es hilft, Erwartungen zu klären, Konflikte zu vermeiden und Entscheidungen zu begründen. Eltern wissen, worauf sie sich einlassen, Trainer haben eine klare Orientierung, und Spieler wissen, was von ihnen erwartet wird.
5. Gezielte Förderung und Entwicklung
Mit einem Leitbild kann die Jugendarbeit gezielt ausgerichtet werden: Welche Schwerpunkte setzen wir im Training? Wie fördern wir Talente? Wie gehen wir mit Leistungsunterschieden um? Das Leitbild ist die Grundlage für alle weiteren Konzepte und Maßnahmen.
Typische Fehler: Warum viele Leitbilder scheitern
Viele Vereine haben ein Leitbild – zumindest auf dem Papier. Doch in der Praxis bleibt es oft wirkungslos. Woran liegt das?
1. Das Leitbild ist zu allgemein oder zu schwammig
Sätze wie „Wir wollen Spaß am Fußball haben“ oder „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“ sind nett, aber wenig konkret. Ein Leitbild muss greifbar und alltagstauglich sein.
2. Das Leitbild wird nicht gelebt
Oft wird das Leitbild einmal erstellt und dann in der Schublade vergessen. Es wird nicht kommuniziert, nicht diskutiert und nicht in die tägliche Arbeit integriert.
3. Das Leitbild wird von oben vorgegeben
Ein Leitbild, das nur vom Vorstand oder Jugendleiter entwickelt wird, findet selten Akzeptanz. Es muss gemeinsam mit Trainern, Spielern und Eltern erarbeitet werden.
4. Das Leitbild ist zu lang oder zu kompliziert
Ein Leitbild muss verständlich und einprägsam sein. Niemand liest fünf Seiten Fließtext. Besser sind wenige, klare Sätze oder Leitsätze.
5. Das Leitbild bleibt ohne Konsequenzen
Wenn das Leitbild keine Auswirkungen auf das Handeln hat, verliert es an Glaubwürdigkeit. Es muss regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst werden.
Schritt für Schritt: So entwickelt ihr ein wirksames Leitbild für die Jugendarbeit
Die Entwicklung eines Leitbilds ist ein Prozess, der Zeit und Engagement erfordert – aber es lohnt sich! Hier eine bewährte Vorgehensweise aus meiner Beratungspraxis:
1. Analyse der Ausgangssituation
Bevor ein Leitbild entwickelt wird, sollte der Status quo analysiert werden:
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Wie läuft die Jugendarbeit aktuell?
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Welche Werte werden bereits gelebt?
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Wo gibt es Probleme oder Konflikte?
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Was wünschen sich Trainer, Spieler und Eltern?
Hier helfen Workshops, Umfragen oder offene Gesprächsrunden.
2. Gemeinsame Leitbild-Entwicklung
Das Leitbild sollte gemeinsam mit allen Beteiligten erarbeitet werden – also mit Trainern, Jugendleitern, Spielern (je nach Alter) und Eltern. In moderierten Workshops können folgende Fragen diskutiert werden:
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Was ist uns im Umgang miteinander wichtig?
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Was wollen wir unseren Spielern vermitteln?
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Wie definieren wir Erfolg?
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Wie gehen wir mit Fehlern und Niederlagen um?
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Wie fördern wir Talente und integrieren alle Kinder?
Die Ergebnisse werden gesammelt, diskutiert und zu Leitsätzen verdichtet.
3. Formulierung des Leitbilds
Das Leitbild sollte kurz, prägnant und verständlich formuliert werden. Es kann aus wenigen Sätzen oder Leitsätzen bestehen, die die wichtigsten Werte und Ziele auf den Punkt bringen.
Beispiel für Leitsätze:
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„Wir fördern jeden Spieler individuell – unabhängig von Talent oder Herkunft.“
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„Fairness, Respekt und Teamgeist stehen bei uns an erster Stelle.“
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„Wir sehen Fehler als Chance zum Lernen.“
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„Erfolg bedeutet für uns die Entwicklung jedes Einzelnen, nicht nur das Ergebnis.“
4. Kommunikation und Verankerung
Das Leitbild muss allen bekannt gemacht werden:
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Vorstellung auf der Website und in Vereinsmedien
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Aushang im Vereinsheim und auf dem Trainingsgelände
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Thematisierung bei Elternabenden, Trainertreffen und Mannschaftsbesprechungen
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Integration in die Trainer- und Spielerausbildung
5. Umsetzung im Alltag
Das Leitbild muss im Alltag gelebt werden. Das gelingt, indem es regelmäßig thematisiert und in Entscheidungen einbezogen wird. Trainer sollten das Leitbild in ihrer Arbeit umsetzen, Eltern und Spieler daran erinnern und bei Konflikten darauf Bezug nehmen.
6. Regelmäßige Überprüfung und Anpassung
Ein Leitbild ist kein starres Konstrukt. Es sollte regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst werden – zum Beispiel, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern oder neue Herausforderungen auftauchen.
Praxisbeispiel: Ein Leitbild verändert die Jugendarbeit
Ein Verein, den ich vor einigen Jahren beraten habe, stand vor großen Herausforderungen: Viele Trainerwechsel, Unzufriedenheit bei Eltern, hohe Fluktuation bei den Spielern. Gemeinsam haben wir in mehreren Workshops ein Leitbild entwickelt, das die Werte und Ziele der Jugendarbeit klar definiert hat.
Die wichtigsten Leitsätze waren:
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„Wir sind ein Team – auf und neben dem Platz.“
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„Jeder bekommt die Chance, sich zu entwickeln.“
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„Wir gewinnen gemeinsam und verlieren gemeinsam.“
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„Respekt vor dem Gegner, dem Schiedsrichter und den Mitspielern ist für uns selbstverständlich.“
Das Leitbild wurde auf der Website veröffentlicht, im Vereinsheim aufgehängt und bei jedem Elternabend vorgestellt. Trainer wurden geschult, das Leitbild in ihrer Arbeit umzusetzen. Bei Konflikten wurde immer wieder darauf Bezug genommen.
Das Ergebnis: Die Identifikation mit dem Verein stieg, die Fluktuation sank, und die Jugendarbeit wurde deutlich erfolgreicher. Spieler, Eltern und Trainer zogen an einem Strang – und das spürte man auf und neben dem Platz.
Das Leitbild als Basis für alle weiteren Konzepte
Ein Leitbild ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Es ist die Grundlage für alle weiteren Konzepte und Maßnahmen in der Jugendarbeit:
1. Trainingsphilosophie und Ausbildungsplan
Das Leitbild gibt vor, wie trainiert wird:
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Steht die individuelle Entwicklung im Vordergrund oder der kurzfristige Erfolg?
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Wie werden Talente gefördert?
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Welche Schwerpunkte werden im Training gesetzt (Technik, Taktik, Persönlichkeit)?
2. Trainerentwicklung
Trainer werden gezielt geschult, das Leitbild umzusetzen. Das betrifft nicht nur die Trainingsinhalte, sondern auch den Umgang mit Spielern, Eltern und Kollegen.
3. Elternarbeit
Eltern werden über das Leitbild informiert und in die Jugendarbeit eingebunden. Sie wissen, was sie erwartet und was von ihnen erwartet wird.
4. Spielerentwicklung
Spieler lernen, was im Verein wichtig ist – nicht nur sportlich, sondern auch menschlich. Sie entwickeln sich zu Persönlichkeiten, die Verantwortung übernehmen und Werte leben.
5. Außendarstellung und Marketing
Ein klares Leitbild macht den Verein attraktiv für neue Spieler, Trainer und Sponsoren. Es zeigt, wofür der Verein steht und hebt ihn von anderen ab.
Häufige Fragen und Einwände
„Wir sind doch nur ein kleiner Verein – brauchen wir wirklich ein Leitbild?“
Gerade kleine Vereine profitieren von einem Leitbild. Es hilft, die begrenzten Ressourcen gezielt einzusetzen und sorgt für Zusammenhalt.
„Das kostet doch nur Zeit und bringt nichts.“
Die Entwicklung eines Leitbilds ist eine Investition in die Zukunft. Sie spart langfristig Zeit und Nerven, weil viele Konflikte und Missverständnisse vermieden werden.
„Unsere Trainer machen das schon richtig.“
Auch erfahrene Trainer profitieren von einem Leitbild. Es gibt ihnen Sicherheit und Orientierung – gerade in schwierigen Situationen.
Fazit: Ein Leitbild ist der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg
Ein Leitbild ist mehr als ein Stück Papier. Es ist der Kompass, der die Jugendarbeit in die richtige Richtung lenkt. Es schafft Orientierung, Identifikation und Zusammenhalt. Es sorgt dafür, dass alle an einem Strang ziehen – und das ist die Basis für nachhaltigen Erfolg.
Die Entwicklung eines Leitbilds ist ein Prozess, der Zeit und Engagement erfordert. Aber es lohnt sich! Vereine, die diesen Weg gehen, profitieren von einer starken Gemeinschaft, zufriedenen Trainern, motivierten Spielern und einer erfolgreichen Jugendarbeit.
Mein Tipp:
Fang heute an! Sprich mit deinen Trainern, Spielern und Eltern. Entwickle gemeinsam ein Leitbild, das zu eurem Verein passt – und lebe es im Alltag. Du wirst sehen: Die Jugendarbeit wird davon profitieren.
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Mit über 25 Jahren Erfahrung, UEFA B-Lizenz und als staatlich zertifizierter Fußballtrainer unterstütze ich Vereine dabei, ihre Jugendarbeit nachhaltig und erfolgreich zu gestalten. Kontaktiere mich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch!